Der 084, der tägliche Express – Zug von Kiew nach Mariupol, verlässt um 15.04 Uhr den Hauptbahnhof in Kiew und ist am anderen Morgen um 8.04 in Mariupol am Azowschen Meer, sofern er keine Verspätung hat. Wieso dieser Zug als Express –Zug bezeichnet wird, ist nicht ganz verständlich, denn der er hält insgesamt 23 mal auf der Strecke und meistens an irgendwelchen unbekannten Bahnhöfen wo keiner aus- oder einsteigt. Von den 17 Stunden Reisezeit steht der Zug somit etwa 3 Stunden in den Bahnhöfen.

Juli und August sind die beliebtesten Reisemonate der Ukrainer und entsprechend lang war dann auch das Schlangestehen vor einem der rund 20 geöffneten Fahrkartenschalter in Kiew. Verlängert wurde die Warterei dadurch, dass sich immer wieder Leute vordrängten, um nur eine ganz kurze Frage zu stellen. Da es aber an allen Schaltern so war, konnte man es nicht persönlich nehmen. In Kiew gibt es keinen Schalter für Ausländer und deshalb waren die gewünschten Reisedaten aufgeschrieben worden. Schliesslich konnte der Zettel mit den Reisedaten der Fahrkartenverkäuferin durch ein kleines Fenster zugeschoben werden. Missmutig wurde er gelesen und dann erfolgte ein Schwall russischer Worte. Als der Zettel wieder zurückgeschoben wurde, war klar, die Dame hatte die aufgeschriebenen Daten irgendwie nicht verstanden. Der Versuch ihr den Zettel zu erklären wurde durch den nachdrängenden Reisenden unterbrochen. Also hiess es sich an einem anderen Schalter erneut anzustellen. Diesmal gab es dann keine Verständigungsschwierigkeiten und für knapp 120 UAH verliess man als stolzer Besitzer einer Fahrkarte 2. Klasse für die Fahrt nach Mariupol und auch leicht genervt die Schalterhalle.
25 Minuten vor Abfahrt wurde der Zug am Bahnsteig bereitgestellt, insgesamt 15 Waggons. Auf dem Bahnsteig begann nun ein wildes hin und her laufen, denn jeder suchte seinen Waggon. Am Eingang des Waggons kontrollierte die Schaffnerin die Fahrkarte und liess sich auch Pass oder einen Ausweis mit Bild zeigen. Erst danach konnte man sein Quartier für die nächsten 17 Stunden betreten. Da die Fahrkarte relativ spät gekauft worden war, hatte es nur noch ein Bett oben gegeben. Obwohl die Gangfenster alle geöffnet waren, herrschte eine drückende Hitze im Waggon. Seit etwa 10.30 Uhr hatten die Waggons im Freien gestanden und bei einer Aussentemperatur von 35 Grad sich auch entsprechend aufgeheizt.
Die beiden Damen im Abteil, eine Mutter mit ihrem Sohn aus Donetzk und eine jüngere Frau aus Mariupol, hatten die Tür zum Abteil geschlossen, um sich für die Reise umzuziehen. Es ist in der Ukraine üblich, dass man bei einer Nachtreise seinen so genannten Hausanzug anzieht. Das ist im Endeffekt nichts anderes als ein Trainingsanzug, oder ein bequemes Kleid. Die Abfahrtszeit näherte sich und schon wurden die Handys herausgeholt und telefoniert. Pünktlich setzte sich der Zug in Bewegung und fast alle Passagiere im Waggon standen im Gang um etwas vom Fahrtwind abzubekommen. Zunächst ging es am Dnipro entlang, an Ukrainka vorbei, dann weiter in Richtung Taras Schewtschenko.
Die Schaffnerin ging nun durch den Waggon und schloss alle Fenster im Gang. Dabei erklärte sie, dass die Klimaanlage arbeite. Die Überprüfung durch die einheimischen Passagiere ergab jedoch, dass von einer arbeitenden Klimaanlage nicht die Rede sein konnte, und so wurden die Fenster im Gang wieder geöffnet. Eine Verkäuferin aus dem Speisewagen bahnte sich den Weg durch die Gänge und bot gekühlte Getränke und Eis an. Sie hatte rasenden Umsatz und irgendwie tauchte der Verdacht auf, dass die Klimaanlage wohl vom Restaurant aus gesteuert werde. Auch in den anderen Waggons „arbeitete“ die Klimaanlage nicht, wie aus den Äusserungen von den Schaffnerinnen der anderen Waggons zu entnehmen war. Der einzige Vorteil, dass die Klimaanlage nicht arbeitete, war der, dass auch die Musikanlage im Waggon nicht funktionierte.
Gegen 17.50 Uhr erreichte der Express – Zug nach vier kurzen Aufenthalten an irgendwelchen unbekannten Bahnhöfen dann den Eisenbahnknotenpunkt Taras Schewtschenko. Gute 30 Minuten dauerte der Aufenthalt hier und auf dem Bahnsteig boten Einheimische Getränke, geräucherten Fisch und auch Eis an. Besonders bei den Getränken und dem Eis wurde zugelangt, denn wie es aussah, war das Zugrestaurant zu diesem Zeitpunkt schon ausverkauft. Während man sich die Beine auf dem Bahnsteig etwas vertreten und eine Zigarette rauchen konnte, hatte wohl auch der Lokführer gewechselt.
Um 18.20 ging es dann wieder weiter nach Dnipropetrovsk. Freudestrahlend zog die Schaffnerin durch den Waggon, schloss wieder alle Fenster im Gang und erklärte dabei, die Klimaanlage würde nun wirklich „arbeiten“. Als Indiz dafür wurde auch die Musikanlage eingeschaltet, die aber im Gang irgendwie nicht funktionierte. Die Überprüfung der Anlage an der Decke des Abteils ergab dann nur einen leichten kühlen Hauch und als Konsequenz wurden das Fenster bei unserem Abteil wieder geöffnet. Dies führte aber zu einer Beschwerde einer Frau aus einem anderen Abteil, die wohl die Befürchtung hatte, ihre mühsam mit Haarspray fixierte Frisur könne leiden. Also musste das Fenster wieder geschlossen werden, während die Schaffnerin erklärte, die Abteiltür solle geschlossen bleiben, denn dann würde die Klimaanlage besser arbeiten und das Abteil gekühlt werden.
Irgendwie schien auch das Fenster den Erklärungen den Schaffnerin nicht ganz zu glauben, denn als der Zug über mehrere Weichen fuhr, hatte es ein Einsehen mit uns und öffnete sich von alleine. Dabei war ein Plastikscharnier ganz herausgerissen worden und das Fenster hing nur noch an zwei Schrauben des anderen Scharniers. Die Schaffnerin wurde informiert und gemeinsam das Fenster wieder in die Öffnung geschoben. Das war es zunächst, denn fixiert werden konnte das Fenster wohl nicht. Nach etwa einer Stunde erschien auch ein Mann mit einem Dreikantschlüssel und beschäftigte sich mit dem Fenster. Was er macht war nicht ersichtlich, doch bis Mariupol ging das Fenster nicht mehr auf.
Als Raucher hatte man nun die Möglichkeit sich zur Raucherplattform zu begeben. Dort konnte die Tür zum Übergang zum nächsten Waggon geöffnet werden, so dass von unten, also von den Gleisen her, etwas Fahrtwind heraufkam. Eine besondere Erfrischung war das aber auch nicht. Während das Abteil sich sehr langsam abkühlte, war draussen die Dämmerung hereingebrochen und an einigen Stellen waren Erntefeuer auf den abgeernteten Feldern zu sehen. Die Vorstellung während der Fahrt etwas von der ukrainischen Landschaft zu sehen, hatte sich teilweise auch als Irrtum herausgestellt. Die Eisenbahntrasse wurde rechts und links von einem Streifen Wald gesäumt, der den Blick auf die Landschaft versperrte.
Draussen war es inzwischen ganz Dunkel geworden und unser Waggon entwickelte sich langsam zu einer Flaniermeile für nackte männlichen Oberkörpern. Manche waren schon athletisch während andere schwitzend ihren Bauch durch den Gang schoben. Das Ziel war eindeutig, das Zugrestaurant, denn nach 10 Minuten kamen sie mit Bierdosen in der Hand wieder zurück. Bei der Schaffnerin gab es nur Wasser, aber kein Bier, und deshalb erfolgte diese kleine Völkerwanderung. Bei sehr vielen, die sich im Gang vorbei schoben, registrierte die Nase eindeutig, dass wohl das Deodorant der Person versagt haben muss. Gegen 11. 00 Uhr liess der Durchgangsverkehr dann nach und die Nachtbeleuchtung wurde in den Waggons angeschaltet.
Die meisten Reisenden hatten sich in die Abteile zurückgezogen, die inzwischen eine doch recht angenehme Temperatur hatten. Kurz vor Mitternacht überquerte der Zug den Dnipro und hielt in Dnipropetrovsk. Einige Reisende stiegen hier aus, ein paar stiegen ein, ansonsten war der Bahnsteig aber sehr ruhig. Schon bei Fahrtbeginn hatte man die Betten selbst hergerichtet, und so war es recht einfach sich im Dunklen hinzulegen und etwas zu schlafen. Der Vorteil des oberen Bettes war nun, dass die Kühlung der Klimaanlage doch bemerkt wurde. Irgendwann in der Nacht musste man sich dann auch noch zudecken, denn es wurde richtig kühl.
Mit rund 30 Minuten Verspätung wurde Donetzk erreicht und die Mutter mit ihrem Sohn verliess nun das Abteil. Auf dem Bahnsteig hatten sich Angehörige eingefunden und begrüssten ihre Familienmitglieder. Quer über die Schienen ging es dann zum Hauptgebäude und den wohl davor parkenden Autos. Frauen mit Selbstgebackenem gab es nicht und so musste der Nescafé alleine als erstes Frühstück reichen. Die Sonne stand klar am Himmel und kein Wölkchen war zu sehen. Gegen 6.20 Uhr fuhr der Zug dann wieder los, wohl auch mit einem neuen Lokführer. Fahrplanmässig waren es nur noch zweieinhalb Stunden bis Mariupol, doch während der Zug an riesigen Sonnenblumenfeldern und Stahlwerken vorbeifuhr, dämmerte die Erkenntnis, die Verspätung wird wohl kaum mehr eingeholt.
Mit rund 45 Minuten Verspätung erreichte der Zug die ersten Stahlhütte, ein Zeichen dafür, dass der Bahnhof von Mariupol nicht mehr weit sein konnte. Der zweite Stahlkomplex tauchte nun links auf und dann auch das Asowsche Meer. Nach rund 18 Stunden Fahrt hielt der 084 dann am Bahnhof von Mariupol, der direkt am Meer liegt. Eine leichte Brise wehte vom Wasser her, und leicht gerädert konnte man die Waggons endlich verlassen.